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Nein, meine Nonna macht ihre Pasta nicht selbst

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📝 概要

作者以家庭经历回望德意劳工协议七十年:1956—1972 年约两百万意大利人来德工作。她描述祖辈在慕尼黑火车站被体检、被物化的感受,也提到移民后代在德国社会里遭遇的刻板印象与「温柔的排斥」。文章在个人记忆与历史资料之间切换,强调移民史不仅是经济史,也塑造了多元的当代德国。

📖 原文节选 Textauszüge

Als die Angeworbenen am Hauptbahnhof in München ankamen, mussten sie direkt nach unten, runter von der Bildfläche, in die Weiterleitungsstelle in einem ehemaligen Luftschutzbunker. Dort gab man ihnen eine kleine Verpflegung und untersuchte ihre gesundheitliche Verfassung. Ob ihre Körper arbeitstauglich waren. Ob sie noch alle Zähne im Mund hatten.

当被招募的工人抵达慕尼黑中央火车站时,他们必须直接下楼,从人们的视线中消失,进入一个由防空洞改建的中转站。在那里,他们得到少许食物,并接受健康检查——看他们的身体是否适合劳动,看他们嘴里是否还有完整的牙齿。

💡 包含 Hauptbahnhof、Verpflegung、arbeitstauglich 等目标词汇,描写极具画面感。

Wenn ich diese Berichte heute lese, fällt mir auf, wie viel Abwehr in der Sprache steckte. Und wie vertraut mir diese Muster aus den Aussagen von populistischen und rechtsextremen Politiker:innen der Gegenwart sind.

当我今天读到这些报道时,我注意到语言中藏着多少排斥。而这些模式与当今民粹和极右政客的言论又是多么似曾相识。

💡 Wenn-Satz 语法点的原文出处,Abwehr(排斥)的情感化用法。

Nenne ich in einer Small-Talk-Runde meinen Namen, weiß ich eigentlich schon vorher, dass mindestens eine Person aus der Gesprächsrunde mir gleich von ihrem letzten Italienurlaub vorschwärmen wird.

在闲聊中只要我报出自己的名字,我其实事先就知道,至少会有一个人马上热情地跟我聊起他们上一次的意大利假期。

💡 vorschwärmen(热情夸赞)的生动用法,反映移民后代面对的刻板印象。

Eine der wohl deutschesten Angewohnheiten in meiner Familie ist es, überall pünktlich, nein, überpünktlich zu sein. Unpünktlichkeit mögen die Deutschen nämlich nicht. Diese Angst, ein schlechtes Bild zu hinterlassen, haben meine Großeltern an meine Eltern weitergegeben, und meine Eltern gaben sie, wenn auch abgeschwächt, an mich weiter.

我家最「德国式」的习惯之一,就是无论去哪里都要准时——不,要超级准时。因为德国人不喜欢迟到。这种怕给人留下坏印象的焦虑,从祖父母传给了父母,又从父母——虽然减弱了一些——传给了我。

💡 überpünktlich 的语境,以及"否定再强调"的修辞手法(pünktlich, nein, überpünktlich)。

„Es ist doch klar, unsere Wurzeln sind jetzt im Wasser「, sagte sie. Die Entwurzelung einer Pflanze bedeutet nicht ihren Tod. Sie braucht aber Wasser; auch um sich zu vermehren.

「很明显,我们的根现在在水里,」她说。连根拔起并不意味着植物的死亡。但它需要水——也需要水来繁衍。

💡 文章结尾的核心比喻,用植物的"根"隐喻移民的身份认同。

原文授权:CC-BY-NC-ND-4.0-DE · 来源:fluter.de (bpb)

📄 原文全文 Volltext

Was sind deine „Wurzeln"? Fühlst du dich eher italienisch oder deutsch? Diese Fragen kann ich nie in einem Satz beantworten. Meist möchte ich sie auch gar nicht beantworten, sind sie doch, zumindest für mich, emotional besetzt. Gestellt werden mir die Fragen trotzdem. Eine mögliche Antwort könnte sein: Ein wichtiger Teil der Geschichte meiner Familie beginnt in Sizilien. Der andere Teil an Gleis 11 am Münchner Hauptbahnhof.

Rund zwei Millionen kamen nach Deutschland

Im Dezember dieses Jahres jährt sich zum 70. Mal das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien. Von 1956 bis 1972 kamen rund zwei Millionen Italiener:innen nach Deutschland. Menschen wie meine Großeltern waren Gäste, die man als Arbeitskräfte brauchte. Besonders willkommen waren sie damals nicht. Trotzdem gingen manche von ihnen nicht mehr zurück in ihre Heimat. Sie blieben in Deutschland, auch meine Familie baute sich in München ein neues Zuhause auf.

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Als die Angeworbenen am Hauptbahnhof in München ankamen, mussten sie direkt nach unten, runter von der Bildfläche, in die Weiterleitungsstelle in einem ehemaligen Luftschutzbunker. Dort gab man ihnen eine kleine Verpflegung und untersuchte ihre gesundheitliche Verfassung. Ob ihre Körper arbeitstauglich waren. Ob sie noch alle Zähne im Mund hatten. Ich muss an Pferde denken, nicht an Menschen.

Das Anwerbeabkommen wurde Vorbild für weitere Verträge mit der Türkei, Griechenland, Spanien und anderen Ländern. Ein „Spiegel"-Artikel aus dem Jahr 1970 veranschaulicht die damalige Stimmung. Er zeichnet nach, wie große Teile der deutschen Medienlandschaft die Angst vor „italienischen Messerstechern", „türkischen Sittenstrolchen", „griechischen Langfingern" schürten – etwa mit Schlagzeilen wie „Immer mehr lichtscheue Elemente aus dem Ausland strömen in die Bundesrepublik". Gleichzeitig zitiert der „Spiegel" einen Mainzer Kriminaldirektor, der sagt, die Kriminalität der „Gastarbeiter" sei „wesentlich geringer als die der Deutschen".

Wenn ich diese Berichte heute lese, fällt mir auf, wie viel Abwehr in der Sprache steckte. Und wie vertraut mir diese Muster aus den Aussagen von populistischen und rechtsextremen Politiker:innen der Gegenwart sind.

Nenne ich meinen Namen, hören andere: Urlaub in Italien

Als Enkelin italienischer „Gastarbeiter:innen" prägt mich die Geschichte meiner Großeltern und Eltern weiterhin. Ohne sie wäre ich gar nicht hier. Die Diskriminierung, die meine Großeltern bei ihrer Ankunft erfahren haben, kenne ich nicht. Stattdessen werde ich mit einem romantisierenden Blick auf Italien konfrontiert und mit einer vermeintlichen Offenheit.

Nenne ich in einer Small-Talk-Runde meinen Namen, weiß ich eigentlich schon vorher, dass mindestens eine Person aus der Gesprächsrunde mir gleich von ihrem letzten Italienurlaub vorschwärmen wird. In solchen Kontexten falle ich also positiv auf. Meine Eltern und ich hören regelmäßig Sätze wie „Ja, aber bei euch ist das ja anders, ihr seid ja nicht so richtige Ausländer."

Gleichzeitig muss ich daran denken, wie ich mit 18 gemeinsam mit meinem Vater meinen ersten Handyvertrag abschließen möchte und der Mitarbeiter des Mobilfunkanbieters mit meinem Vater redet, als wäre er schwer von Begriff, weil er einen Akzent hat und gelegentlich die Artikel falsch benutzt. Ich kochte vor Wut. Mein Vater meinte, ich solle mich nicht so aufregen. So sei das eben.

Und dann all die Klischees: Das ungläubige Staunen meines Gegenübers, wenn ich erzähle, dass meine sizilianischen Großmütter gar nicht so oft Pasta mit den Händen kneteten. Die eine wusch Teller, die andere schneiderte und nähte. Die Lehrerinnen und Lehrer, die mich ermuntern wollten, lauter zu sein. „Du bist doch Italienerin!"

Ich denke an meine Studienzeit: Ich bin mit einem Mentor verabredet. Es soll um meinen beruflichen Werdegang gehen. Als ich in der U-Bahn stehe und merke, dass sich die Weiterfahrt verzögert, tippe ich in mein Handy, dass ich etwas verspätet zu unserem Treffen komme, und entschuldige mich. Als ich schließlich da bin, begrüßt er mich so: „Halb so schlimm, das sind die typischen italienischen 15 Minuten." Ich schäme mich.

Eine der wohl deutschesten Angewohnheiten meiner Familie: Überpünktlichkeit

Was dieser Mentor nicht weiß: Eine der wohl deutschesten Angewohnheiten in meiner Familie ist es, überall pünktlich, nein, überpünktlich zu sein. Unpünktlichkeit mögen die Deutschen nämlich nicht. Diese Angst, ein schlechtes Bild zu hinterlassen, haben meine Großeltern an meine Eltern weitergegeben, und meine Eltern gaben sie, wenn auch abgeschwächt, an mich weiter.

Meine Familie hat mir mehr hinterlassen als Ängste und die Erinnerungen ans Ankommen: eine zweite Sprache, die mir heute im Beruf nützt, und die Chance weiterzugehen. Als Erste konnte ich studieren. In vielen Familien mit „Gastarbeiter:innen"-Vergangenheit zeigt sich jedoch auch, wie eng Migration und soziale Herkunft zusammenhängen können.

Studien aus den 2000er-Jahren belegen: Kinder mit italienischem Migrationshintergrund schnitten in der Schule schlechter ab, besuchten häufiger Haupt- oder Sonderschulen und seltener das Gymnasium.

Die Soziologin Edith Pichler sagt dazu, dass neben den sozialen Faktoren – also welchen Bildungsgrad die Eltern hatten – auch das Schulsystem der Region eine Rolle spielte, in der die Kinder von „Gastarbeiter:innen" zur Schule gingen: Heute fasse man, so Pichler, italienischstämmige Schüler:innen in der Kategorie „andere EU-Ausländer" zusammen, weshalb sich nicht mehr genau ablesen lasse, welche Schultypen sie besuchten. Ich selbst erreichte einen Schulabschluss, der meinen Eltern noch verwehrt blieb. Meine Großeltern wiederum konnten nur passiv lesen und schreiben.

Pichler beschreibt neben den Bildungschancen auch einen Wechsel in der Art und Weise, wie man italienische Einwander:innen in Deutschland damals und heute sieht: Italiener:innen seien früher mit vielen Vorurteilen konfrontiert gewesen. Heute würden sie eher als Vertreter:innen eines vermeintlichen „italienischen Lifestyle" wahrgenommen.

Klischees und ein verklärtes Italienbild wirken ziemlich harmlos, wenn man bedenkt, dass es früher Gaststätten gab, an deren Türen Schilder hingen, auf denen stand: „Zutritt für Hunde und Italiener verboten!" Kaum jemand denkt heute noch daran, so sehr hat sich das Bild und die Akzeptanz von italienischen Einwander:innen in Deutschland verändert, 70 Jahre nach dem Anwerbeabkommen.

Zum Jubiläum erfährt die „Gastarbeit" wieder Aufmerksamkeit

Wenn nun feierlich vom „Jubiläum" gesprochen wird, erfährt das Thema der „Gastarbeit" für einen kurzen Moment Aufmerksamkeit. Lange hat Deutschland gebraucht, um sich selbst als Einwanderungsland zu begreifen. Menschen wie meine Großeltern kamen nach Deutschland in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Gleichzeitig trugen sie zum wirtschaftlichen Aufschwung bei. Dass hinter dieser „Arbeitsleistung" persönliche Geschichten stecken von Menschen, die mit wenig auskommen mussten, die ihre Familien vermissten, die Schmerz aushielten, wird zu wenig erzählt.

Sie sollten gehört werden, in Schulen, Museen, auf Lesungen. Die Lebensgeschichten der sogenannten „Gastarbeiter:innen" sind ein Teil deutscher Nachkriegsgeschichte.

Ich erinnere mich an einen Lesungsabend, bei dem sich eine türkischstämmige Frau der ersten „Gastarbeiterinnen"-Generation zu Wort meldete. Es ging um die Frage, wo man sich denn nun „verwurzelt" fühle: „Es ist doch klar, unsere Wurzeln sind jetzt im Wasser", sagte sie. Die Entwurzelung einer Pflanze bedeutet nicht ihren Tod. Sie braucht aber Wasser; auch um sich zu vermehren. Finden sie und ihre Ableger später einen nahrhaften Boden, gedeihen sie. Vielleicht, denke ich mir, ist es bei uns Kindern und Enkeln der „Gastarbeiter:innen" ähnlich: Es ist weniger wichtig, woher unsere Wurzeln kommen, wichtiger ist eine Umgebung, die Wachstum erlaubt.

原文授权:CC-BY-NC-ND-4.0-DE · 来源:fluter.de (bpb)

🔑 词汇

📐 语法

„Wenn ich diese Berichte heute lese, fällt mir auf, wie viel Abwehr in der Sprache steckte.„

wenn 引导从句,动词后置;主句动词第二位。

🇩🇪 文化背景

Gastarbeitergeschichte
德意劳工协议是德国「客籍工人」历史的重要开端。
迁移与身份
移民后代常在「被当作外来者」和「被浪漫化」之间摆动。
媒体话语
1970 年代媒体对移民的负面叙述影响至今。

✏️ 练习建议

  • 写 5 句德语描述你家族的迁移或工作故事。
  • 找出文中你印象最深的刻板印象,并写下你的看法。
  • 讨论:历史记忆如何影响当代身份?